Am Heger Tor

Menzel

M   OMENTAUFNAHME
E    RKENNEN
N    ACHDENKEN
Z    ENTRIERUNG
E    RLEBEN
L    OSLASSEN

Wer war Menzel?

Menzel – sofort als Momentaufnahme bei mir die schönen Bilder des Malers Adolf von Menzel. Insbesondere das Flötenkonzert. Warme Farben, Bekleidung Ende des 19. Jahrhunderts, goldfarbener Rahmen. Von diesem Bild geht Wärme und Harmonie aus, man glaubt die Musik zu hören. Welch ein Kontrast dazu dann diese nüchternen, grauen Spind-wände aus Metall. Sie bedeuten für mich Fabriklärm, schlecht belüftete Aufbewahrungsmöglichkeiten, noch dazu in dieser unfreundlichen Farbe grau. Armer Menzel, der sich hier nach der schweren Arbeit umziehen muss. Jetzt versuche ich, mich auf diese hässlichen, nur praktischen Schränke zu konzentrieren. Mein Widerwille wächst, sich mehr damit zu beschäftigen.

Doch meine Fantasie hilft mir. Sie macht die Schränke leuchtend rot, und die Lüftungslöcher werden größer. Gleich sehen die Schränke viel freundlicher aus, nicht so harmonisch wie Menzels Bilder aber leuchtend fröhlich. Der Fabriklärm wird erträglicher, den Schmutz sehe ich nicht mehr. Die Arbeiter kommen zu ihren neuen Spinden besser gelaunt. Was Farbe und eine freundliche Umgebung doch bewirken können. Wer war Menzel? Ich hoffe, jetzt ein gut gelaunter Mann. Lasst uns losgehen und die Spinde anmalen – auch Figürliches ist erlaubt!

Am Heger Tor

Eine Kitakarre mit sechs Kindern wird durch das Tor geschoben. Lautes Rufen, Lachen und Freude sind weit zu hören und werden direkt danach vom Krankenwagensignal auf der Straße übertönt. Bewegung, Krach und Unruhe – die starre Installation neben und unter dem Tor nimmt alles auf. Es wäre zu erwarten – doch nichts fällt von den eingefügten Geräten, Schranktüren, Koffern und all den anderen Dingen herunter. Alles ist starr und unbeweglich, verändert sich auch nicht, wenn Radfahrer hindurch fahren, Sackkarren mit Getränkekisten ratternd geschoben werden oder laute LKWs vorbeifahren. Plötzlich senkt sich vom Himmel ein großer bunter Fallschirm herab und wird gebremst durch die Knöpfe in Schubladen und Schränken, von Kofferrollen und Griffen, vorstehenden Lautsprechern und Klaviertastaturen. Der Wind weht die Fallschirmplane hin und her – die Installation bewegt sich und verändert sich immer wieder. Aus dem Lautsprecher wird ein nickender Kopf, Schubbladenknöpfe wirken wie kleine Brüste in einem weiten Kleid, dann wieder viele Nasen in einem Gesicht und ein dicker Kopf über einem Schrank.

Ein Radfahrer verfängt sich in der Plane und reißt Teile davon nach unten. Bald liegt sie am Boden. Als bunter Haufen Stoff, der ab und zu im Wind nach oben wellt. Figuren, Köpfe und Kleider sind verschwunden. Zurück bleibt die Installation –  starr, unbeweglich und vielschichtig aber nicht mehr lebendig. Ein neuer Fallschirm wird sie heute wohl nicht mehr zum Leben erwecken.