Rüdiger Stanko

Rüdiger Stanko: Die Farbe der Zukunft Osnabrücks

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Rüdiger Stanko, Die Farbe der Zukunft, Rißmüllerplatz. (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2015 Foto: Hermann Pentermann

Im öffentlichen Raum direkt an der Kreuzung Rißmüllerplatz steht auf dem Grünstreifen ein Kunstwerk von Rüdiger Stanko. Es trägt – wie viele andere seiner in Innenstädten errichteten Kunstwerke – ein präzise erstelltes, horizontales Streifenmuster. Auf dem ersten Blick fallen vielleicht die unterschiedlich breiten farbigen Streifen auf der Litfaßsäule auf. Im Vorbeigehen und -fahren entdecken Passanten und Autofahrer die bemalte Säule, die wie ein abstraktes, geheimnisvolles Bild plötzlich ins Blickfeld gerät. Die strenge geometrische Form des Zylinders mit ihren klar definierten Farbstreifen verweist deutlich auf die Ästhetik der Konkreten Kunst als Referenzpunkt des Projekts „Konkret mehr Raum“.

(Kapital_Stade_Tresor) Ergebnis der Umfrage zur Farbe des Kapitals in der Sparkasse Stade 1999, ausgeführt als permanentes Wandgemälde im Vorraum des Kundentresors im Hauptgebäude der Sparkasse Stade. Bildmaß ca. 2,80 x 14 Meter (umlaufend im Raum), Acrylfarbe auf Wand Fotos: Rüdiger Stanko

(Kapital_Stade_Tresor) Ergebnis der Umfrage zur Farbe des Kapitals in der Sparkasse Stade 1999, ausgeführt als permanentes Wandgemälde im Vorraum des Kundentresors im Hauptgebäude der Sparkasse Stade. Bildmaß ca. 2,80 x 14 Meter (umlaufend im Raum), Acrylfarbe auf Wand. Fotos: Rüdiger Stanko. (c) VG BILD-KUNST

Rüdiger Stanko setzt in Osnabrück seine Farb-Befragung fort. In anderen Städten hatte er bereits die „Farben der Kultur“, des „Kapitals“ und der „Industrie“ ermittelt. Zwei Wochen lang im Mai hatten die BesucherInnen in der Kunsthalle Osnabrück und im Felix-Nussbaum-Hauses Gelegenheit, ihr Votum abgeben. Stanko hatte an den beiden zentralen Ausstellungsorten jeweils einen Tisch mit Farbmustern aufgestellt. Wie in einem Wahlbüro notieren die Besucher nach einer Farbskala ihre Lieblingsfarbe. Anschließend wurden die Stimmzettel vom Künstler ausgewertet. Je breiter die Zustimmung für eine Farbe war, umso breiter wurde der Streifen auf dem Gemeinschaftskunstwerk, das sich nun unweit der Kunsthalle befindet.

Stanko entwickelt mit seiner Arbeit das Konzept der Konkreten Kunst weiter: Das Kunstwerk im öffentlichen Raum ist nicht länger die Setzung des Künstlers, sondern das Ergebnis eines sog. partizipativen Prozess. Der Kunstinteressierte ist angehalten, die Position individueller Betrachtung zu verlassen, um in einen gemeinschaftlichen künstlerischen Prozess einzutreten, um sich an der Entstehung des Kunstwerkes zu beteiligen. Der Künstler liefert dabei die Spielregeln, liefert das Konzept und gibt damit die Eckpunkte einer Gemeinschaftsaktion vor, die basisdemokratische Fragen berührt.

Rüdiger Stanko schafft mit seiner Farbbefragung in Osnabrück Raum für neue Fragen: Was bedeutet Kunst für eine Gemeinschaft? Und wofür ist da? Wo ist ihr Potential für die Zukunft? Wer soll in Zukunft den öffentlichen Raum gestalten? Was ist in Osnabrück die Farbe der Zukunft? Fünfzig Jahre nach dem Tod des berühmten Vertreters Konkreter Kunst, Friedrich Vordemberge-Gildewart, wird durch Stankos Projekt die Farbe zu einem Symbol gemeinschaftlicher Aktion.

Am Ende des Projekts erhalten alle Beteiligten eine Postkarte, auf der die Farbskala der Zukunft Osnabrücks in der Fläche abgebildet ist. Stankos Projekt wirkt somit gleichermaßen im öffentlichen wie privaten Raum wirksam.

Rüdiger Stanko wurde 1958 in Groß-Gerau geboren. Nach seinem Studium der Freien Kunst an der HBK Braunschweig bei den Professoren Lienhard von Monkiewitsch und Ben Willikens, war er Meisterschüler von Wilikens. Seit 1987 ist er als Künstler in Hannover tätig. Rüdiger Stanko hat sich mit seinen partizipativen Projekten einen Namen gemacht. Seine Streifenbilder waren schon in zahlreichen Städten zu sehen, zum Beispiel „Die Farbe des Glücks“ (Toto-Lotto Niedersachsen GmbH), „Die Farbe des Kapitals“ (Stadtsparkasse Stade), „Die Farbe der Zukunft“ (Kunstmuseum Celle mit Sammlung Robert Simon und Stadtbibliothek Celle) sowie „Die Farbe der Industrie“ / „Die Farbe der Kultur“ (Bildhauersymposion Heidenheim).

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Rüdiger Stanko, * 1958 in Groß-Gerau (D) Foto: Ulrike Grashof

http://www.atelierhaus-hannover.de/art_ruediger_stanko.htm

Text: Valérie Schwindt-Kleveman