Susanne Tunn

 Susanne Tunn: Schwimmendes Raster

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Susanne Tunn, Schwimmendes Raster, 2015. Kunsthalle Osanbrück, (c) VG BILD-KUNST. Foto: Susanne Tunn

Sich kreuzende Linien, an denen man Maßstäbe ablesen kann, regelmäßige Quadrate, die über eine Abbildung gelegt Größenverhältnisse verdeutlichen – Raster sind für gewöhnlich zuverlässige graphische Instrumente, die dem Menschen Orientierung ermöglichen. Schwimmend verliert ein Raster sogleich seine Wirksamkeit. Sobald es in Bewegung gerät, liefert es keine Fixpunkte mehr, um Beziehungen von Dingen zueinander sichtbar zu machen.

Susanne Tunns „Schwimmendes Raster“ im Kirchenschiff der Kunsthalle Osnabrück spielt mit eben diesem Gegensatz zwischen festem Maßstab und der Herausforderung, immer wieder neue Orientierungspunkte auszumachen. Tunn wird das Raster der tönernen Bodenfliesen mit Zinn in den Fugen nachzeichnen. Lange schon ist das Gittermuster dieser Tonkacheln nicht mehr so regelmäßig, dass es genaue Messungen erlauben würde: Witterung und Gebrauch haben die Ränder der Fliesen ausfransen, manchmal gar die Platten selbst reißen lassen und neue ungeplante und damit unregelmäßige Linien geschaffen.

Tunns Zinnraster „schwimmt“ also insofern, als es nicht nur ein Raummuster nachzeichnet, sondern auch die Spuren der Zeit abbildet, und das auf zweifache Weise. Einerseits zeichnet es nach, wie die unzähligen Menschen, die den Kirchenraum in den vergangenen Jahrzehnten durchschritten haben, wie Musiker und Schauspieler, auf Stühlen hin und her rutschende Besucher von Ausstellungen, Vorträgen und Konzerten, Ausstellungsaufbauer und Handwerker, Reinigungskräfte und –maschinen, zur Auflösung der einst strengen Geometrie beigetragen haben. Auf der anderen Seite erzählt das einst flüssige Zinn, das dieses schwimmende Raster formt, auch die Geschichte des eigenen Entstehens: Das An- und Abschwellen der Zinnlinien ist nicht allein durch die Fugengröße bedingt, es hängt auch davon ab, wer aus Susanne Tunns Team die Fuge gegossen hat, ob der Gießer noch morgendlich frisch oder schon müde und ermattet war, die Kelle noch voll oder der Installateur bereits am Ende seines Ganges angelangt, ob er oder sie konzentriert oder abgelenkt, die Aufgabe zum ersten Mal verrichtete oder bereits ein geübter Zinngießer war.

Die von Michael Beutler und Etienne Descloux entworfenen Bänke, die um die Installation herum gleichsam als Ausstellungsarchitektur angeordnet sind, lenken den Blick der Sitzenden durch ihre ergonomische Form unwillkürlich nach oben. Susanne Tunns „Schwimmendes Raster“ fordert zur Umwendung der Blickrichtung auf, zum Schauen auf den Boden, was den Betrachter zum Austarieren des Gleichgewichts zwingt, denn ein Ändern der Blickhöhe erfordert immer ein Ausbalancieren. Die Wellenform von Tunns Installation hält diese Ausgleichsbewegung in Gang.

Das „Schwimmende Raster“ erlaubt auch einen Perspektivenwechsel auf die Konkrete Kunst: Es leitet an zum Studium von Spuren der Herstellung, zur Hinterfragung von Perfektion, zum Vergleich zwischen handwerklicher und industrieller Produktion und zum Blick auf die Geschichte von Materialien und der Ästhetik ihrer Gebrauchsspuren.

Susanne Tunn wurde 1958 in Detmold geboren. Von 1980 bis 1986 absolvierte sie ein interdisziplinäres Studium an der Universität Bielefeld in Kunst, Soziologie und Erziehungswissenschaften. 1991 erhielt sie ein Atelierstipendium des Landes Niedersachsen, 1995 ein Projektstipendium der Heitland Foundation sowie ein Arbeitsstipendium des Landes Niedersachsen. Seit 1992 ist sie als Professorin an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst, Salzburg tätig. Die Bildhauerin Susanne Tunn arbeitet seit August in Wittmannsdorf bei Berlin, zuvor hatte sie ihr Atelier in Alfhausen bei Osnabrück. Sie hat an zahlreichen internationalen Ausstellungen u.a. im Museum MARTa Herford (2005/ 2007) teilgenommen und hat u.a. in Spanien, Schweden, Norwegen, den Niederlanden und Rumänien Skulpturen im Landschaftsraum realisiert.

Susanne Tunn, *1958 in Detmold (D) Foto: Mo Tunn

Susanne Tunn, *1958 in Detmold (D)
Foto: Mo Tunn

www.susannetunn.de

Text: Julia Draganovic