Baptiste Debombourg

Baptiste Debombourg
Distortion: A Geometric Aberration – Verzerrung: eine geometrische Abweichung

Foto Baptiste Debombourg 2 2500

Baptiste Debombourg, Verzerrung: Geometrische Distorsion, Courtesy Krupic Kersting Galerie || kuk, Köln. Kunsthalle Osnabrück, 2015. Foto: Baptiste Debombourg

Baptiste Debombourg nutzt für seine Arbeit das Forum der Kunsthalle Osnabrück. Der Bau aus den siebziger Jahren erweitert den im mittelalterlichen Stil ausgeführten Raum der säkularisierten Dominikanerkirche. Der Künstler greift diesen zeitlichen Aspekt auf und spannt mit seiner Installation den Bogen über einen sehr großen Zeitraum: vom Mittelalter bis in die Gegenwart.

Die Besucher betreten einen Raum im Raum. Die breiten Fensterfronten des Forums dienen als Stützen für die neue Struktur, die sich von der alten löst, um einen neuen Raum zu definieren. Eine Holzkonstruktion bildet die bauliche Struktur der Fensterfronten nach, jedoch mit anderen Winkelgraden. Zudem simuliert Debombourg mit Hilfe des Computers eine Neigung des Raumes. Die Tragpfeiler werden miteinbezogen, was die Illusion der Neigung verstärkt. Durch diese Kunstgriffe wirkt die existierende Architektur verzerrt. Wände, Tragpfeiler und Fenster scheinen aus dem Lot zu laufen. Sind die Prinzipien der Statik außer Kraft gesetzt? Ist der Kunstraum in Gefahr? Oder gar die Konkrete Kunst? Oder ist alles nur eine Illusion, verursacht durch eine brillante Simulation gegen die Regeln der visuellen Logik? Mit seiner trügerischen Installation eröffnet uns Debombourg eine neue Perspektive des Raumes, er schafft konkret mehr Raum.

Er inszeniert nicht nur die Deformation, die Verzerrung, sondern er richtet unsere Aufmerksamkeit auch auf das Nebeneinander von Konstruktivistischem und Dekonstruktivistischem. Die Nähe der Kunsthalle zum dekonstruktivistischen Bau des Felix-Nussbaum-Hauses von Daniel Libeskind ermöglicht den Dialog beider Prinzipien, auf den sich Debombourg mit seiner Arbeit ebenfalls bezieht. Neben diesem örtlichen stellt der Künstler aber auch einen historischen Bezug her. Durch den Einsatz von computerbasierten Raumsimulationen zeigt er, wie schnell und einfach sich heute Räume generieren lassen – ganz im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen das Wissen der Baumeister von Mund zu Mund weitergegeben wurde und die Entstehung eines Raumes sehr lange dauerte. Sein Spiel mit physikalischen Gesetzen ist also auch eines mit Realität und Fiktion, mit Gestern und Heute.

Konstruktion, geometrische Form und Komposition in Debombourgs Intervention verlassen das Terrain der Konkreten Kunst und gehen neue Wege, die bis in den Raum hineinreichen. Die Dreidimensionalität, die inszenierte Gefahr und das Spiel mit der Wahrnehmung lassen den Besucher ganz persönliche Erfahrungen machen. Die Bedeutung von Raumgestaltung, Raumnutzung und Architektur im 21. Jahrhundert wird offensichtlich und erfahrbar. Zeitgleich wird deutlich, wie sich Künstler von Grenzen distanzieren oder wie sie Regeln ganz frei neu definieren können. Ohne die Formensprache der Konkreten Kunst, ohne die Geschichte, aber auch ohne die gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen der vergangenen fünfzig Jahre wäre es nicht denkbar, der Kunst diese neuen Möglichkeiten zu öffnen, die Möglichkeiten zu KONKRET MEHR RAUM.

Baptiste Debombourg PortraitBaptiste Debombourg wurde 1978 in Südfrankreich geboren, lebt und arbeitet in Paris. Er studierte Bildhauerei an der Ecole National des Beaux Arts in Lyon und post-graduierte an der Ecole National Superior des Beaux Arts in Paris. In Frankreich gehört er zu den herausragenden jungen Künstlern seiner Generation mit zahlreichen öffentlichen Präsentationen im In- und Ausland.

http://www.baptistedebombourg.com

Text: Valerie Schwindt-Klevemann