Angela Glajcar

Angela Glajcar: Terforation

Angela Glajcar, Terforation 2014-061, Kulturgeschichtliches Museum, 2015. Courtesy Galerie Nanna Preußners. (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2015. Leihgeber Galerie Nanna Preußners, Hamburg.  Foto: Hermann Pentermann

Angela Glajcar, Terforation 2014-061, Kulturgeschichtliches Museum, 2015. Courtesy Galerie Nanna Preußners. (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2015. Leihgeber Galerie Nanna Preußners, Hamburg. Foto: Hermann Pentermann

Angela Glajcar Oberlichtsaal KGM 2

Angela Glajcar, Terforation 2014-061, Kulturgeschichtliches Museum, 2015. Courtesy Galerie Nanna Preußners. (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2015. Leihgeber Galerie Nanna Preußners, Hamburg. Foto: Valerie Schwindt-Kleveman

Als ehemalige Stipendiatin der Vordemberge-Gildewart-Stiftung war Angela Glajcar mit dem Thema Konkrete Kunst schon 2004 befasst. Ihre damals präsentierte, ortsbezogene Arbeit mit dem Titel „Contrarius“ war Teil der Ausstellung PERSPEKTIVEN DER ZUKUNFT. Die mit Gouache bemalten und zerrissenen Papierbahnen sollten der Konkreten Kunst ein Zeichen entgegensetzen und die historische Position reflektieren.
Für KONKRET MEHR RAUM stellt Angela Glajcar eine Arbeit zur Verfügung, die zehn Jahre nach ihrem Stipendium entstanden ist und mit der sie den von ihr eingeschlagenen Weg konsequent verfolgt. Eine sechs Meter große Papierskulptur mit dem Titel „Terforation“ wird im Oberlichtsaal des Kulturgeschichtlichen Museums platziert. Der weiche Körper schwebt zentral in der Höhe des Raums. Papierbögen von gleichem Format und vergleichbarem Volumen reihen sich in regelmäßigen Abständen hintereinander auf und ergeben eine rechteckige Form. Um die hermetische, auf mathematischen Gestaltungsgrundlagen beruhende Form der Geometrie zu öffnen, reißt die Künstlerin Löcher von unten nach oben in die Papierbahnen und schafft dadurch einen Zugang zum Inneren der Skulptur. Die leichte und doch imposante Arbeit von Angela Glajcar fügt sich harmonisch in den imposanten Oberlichtsaal ein, statische Architektur und opake Konstruktion kontrastieren in Gegensätze wie Leichtigkeit und Schwere miteinander.

Wie auch schon ‚die Konkreten‘ denkt die Künstlerin über Raumaufteilung und Formverteilung nach. Bogen für Bogen setzt sich die rhythmische Formation mit einer formalen Logik in der Länge fort. Die Papierbögen fangen das Licht ein und erzeugen ein geheimnisvolles, spannungsvolles Licht aus dem Inneren. Angela Glajcar bricht bewusst die strenge geometrische Fläche, indem sie in die Blätter ein Loch reißt und so einen Raum im Herzen des Papierkolosses formt. Die Raumbildung erfolgt dabei spielerisch und entwickelt sich Stück für Stück, vergleichbar dem Akt des Zeichnens. Blatt für Blatt muss die Künstlerin den Verlauf der Abrisskante sorgfältig antizipieren. Die entstehenden Öffnungen wirken wie natürliche Spuren einer Erosion und ahmen einen Prozess ästhetischer Zerstörung nach, gerade so, als ob der Papierblock äußeren Einflüssen ausgesetzt worden wäre.

Den Titel der Arbeit „Terforation“ erläutert Anna Preußner folgendermaßen: Er „leitet sich einerseits von Perforation ab, (…), dem Durchlochen von Hohlkörpern oder flachen Gegenständen. Andererseits lehnt sich der von Glajcar etablierte Terminus an das lateinische terra = Erde an. Damit spielt die Künstlerin auf den Begriff terra incognita = unerforschtes Land oder Neuland an.“ Die tunnelartige Öffnungen, Vertiefungen, Höhlen oder vielleicht sogar Abgründe, deren Verläufe uns zum Teil verborgen bleiben, klaffen in ihr geometrisches Papiervolumen hinein. Nicht mehr das, was wir sehen, macht uns neugierig, sondern das, was verborgen bleibt. Der Betrachter ist gefordert, sich um das Objekt herum zu bewegen, um es visuell zu erkunden. Er muss Neuland betreten und sich auf ein Abenteuer seiner Fantasie einlassen.

 Als Informations- und Kommunikationsmittel wird Papier immer mehr von E-Books, E-Zeitungen, E-Mails oder digitaler Malerei in den Hintergrund gedrängt. Vor über 2.000 Jahren in China entwickelt und erst ein Jahrtausend später in Europa übernommen, wird seit der Industrialisierung deutlich, dass Papier zu einem Wegwerfprodukt geworden ist. Es verliert seine einstige kulturelle Trägerfunktion. In Glajcars Skulptur erhält das Material eine neue Funktion: die künstlerische; und verbringt das vormalige Kommunikationsmittel an einen Ort, der ihm Schutz bietet: ins Museum. Wir beobachten also nicht nur die Entwicklung von Raum durch Papier, sondern auch einen Wandel der kulturellen Bedeutung des Materials vom Informationsträger zum künstlerisch formbaren Material.

Angela Glajcar wurde 1970 in Mainz geboren. Von 1991 bis 1998 studierte sie an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg bei Tim Scott. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Preise, u.a. 2004 das Vordemberge-Gildewart-Stipendium, 2005 den Emy-Roeder-Preis, 2006 den Phönix-Kunstpreis. 2007-2008 nahm sie eine Gastprofessur an der Universität Gießen für den Bereich Skulptur wahr. 2015 ist sie mit einer Ausstellung im MOCA, Jacksonville (USA), in der Karin Weber Gallery in Hong Kong (China) vertreten und wird von der Heitsch Gallery auf der Art Miami New York gezeigt.

www.glajcar.de

Text: Valerie Schwindt-Kleveman